november 2022

so20nov11:00antifa ErzählcaféIn Kooperation mit der VVN-BdA Frankfurt11:00 Art:PodiumGenre:Gespräch

Veranstaltungsdetails

Wolfgang (1906-1985) und Lisa (1917-2012) Abendroth. Zwei Antifaschist*innen im Kampf um die Demokratie

In unserem Erzählcafé im Juni berichtete Elisabeth Abendroth über ihren Vater Wolfgang, Marxist, Hitlergegner, Staats-, Verfassungs- und Völkerrechtler, Interpret des Grundgesetzes, Historiker der europäischen Arbeiterbewegung, Mitbegründer der Politikwissenschaft im Nachkriegsdeutschland, einen der prägendsten politischen Intellektuellen der frühen Bundesrepublik. Sie erzählte über seine Wurzeln in der Arbeiterbewegung und im Kampf gegen Hitler. Sie versprach, ihre Erzählung fortzusetzen und um Wolfgang und Lisa Abendroths Kampf um die Demokratie im Nachkriegsdeutschland zu ergänzen. Wolfgangs Weg führte von der britischen Kriegsgefangenschaft, in die er als Partisan der ELAS geraten war, über die von seiner Verlobten, der Historikerin Lisa Hörmeyer mit tatkräftiger Hilfe von vor den Nazis geflohenen Freunden in aller Welt erkämpfte Rückkehr nach Deutschland. In der sowjetisch besetzten Zone erhielt er in kurzer Zeit nacheinander Professuren in Halle, Leipzig und Jena. Von dort musste er 1948, noch vor der Gründung der DDR mit seiner Frau und seiner Tochter nach Westdeutschland fliehen, Er wurde Rektor der Reformhochschule Wilhelmshaven-Rüstersiel, schließlich lehrte er von 1950 bis zu seiner Emeritierung 1972 als Professor des damals neuen Fachs politische Wissenschaft, das er entscheidend prägte, an der Philipps-Universität Marburg. Der einzige Marxist auf einem westdeutschen Lehrstuhl wurde Begründer der „Marburger Schule“ und war einer der prägendsten Intellektuellen der frühen Bundesrepublik. Heute hochaktuell sind seine Interpretation des Sozialstaatsgebots des Grundgesetzes, seine Studien über die deutschen Gewerkschaften, die Sozialdemokratie und die europäische Arbeiterbewegung. Er war Mitglied im Bremer und im hessischen Staastgerichtshof, engagierte sich aktiv im Kampf gegen die Wiederaufrüstung, in großen gewerkschaftlichen Kämpfen und war einer der „Väter der Studentenbewegung“ in den sechziger Jahren. 1961 schloss ihn die SPD wegen seiner Unterstützung des SDS aus. (Aus der KPD war er schon 1928 wegen seiner Kritik an der „Sozialfaschismustheorie rausgeflogen.) Er arbeitete im „Russel-Tribunal“ zur Untersuchung der Verbrechen der USA in Vietnam und beeinflusste eine ganze Generation von Gemeinschaftskunde- bzw.- Politiklehrer*innen. Seine kompetente, engste Ratgeberin und Mitstreiterin war seine Frau Lisa Abendroth, die Organisatorin seines durch die gesundheitlichen Folgen der Nazifolter nicht einfachen Lebens, die erste Leserin und Kritikerin all‘ seiner Texte und Aktionen. Von den Herrschenden in der Bundesrepublik wurden die beiden bekämpft, auch mit geheimdienstlichen Mitteln. Sie blieben in Deutschland, um hier für die Demokratie zu kämpfen. Nach ihrer Rückkehr in Wolfgangs alte Heimatstadt Frankfurt 1972 engagierte sich Lisa Abendroth lange Jahre in der SPD (aus der sie nach über 50 Jahren Parteimitgliedschaft 2001 ausgetreten ist), wo sie zu einer „moralischen Instanz“ wurde. Wolfgang lehrte an der Frankfurter Akademie der Arbeit, publizierte und hielt Vorträge überall in Europa. Er engagierte sich bis zu seinem Tod in der Friedensbewegung der achtziger Jahre. In Frankfurt erinnert heute nichts an die beiden.

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